Tierisches Buffet

Waldbild Gruppenfoto

Morgens, halb acht in Ziegenhain. Das Thermometer zeigt 10 Grad minus an - es ist klirrend kalt und man ahnt: Niemand geht bei diesen Temperaturen freiwillig vor die Tür. Und doch: 20 Erzieherinnen und Erzieher im Anerkennungsjahr, warm eingepackt in mehrere Schichten Winterbekleidung und ausgestattet mit heißem Tee in Thermoskannen, warten auf dem Gelände des BerufsschulCampus Schwalmstadt auf das Startsignal für eine waldpädagogische Aktion durch die Schwälmer Wildnis, die im Rahmen der Blocktage des Fachbereichs Sozialwesen für die Berufspraktikanten stattfindet.

 

Waldbild Feuer II



Nachmittags, 14.30 Uhr in Ziegenhain. Die Sonne scheint, aber immer noch sind die Temperaturen eisig. Das Handy der ehemaligen Klassenlehrerin brummt- eine Whatsapp-Nachricht geht ein: Wahnsinn, wir sind heute 13.950 Schritte bzw. 8,2 km gelaufen. „Das tat richtig gut“, sind sich die Anerkennungspraktikanten einig. Die hochgeladenen Bilder zeigen gut gelaunte junge Menschen inmitten der weiten Natur am Lagerfeuer mit roten Nasen, die sich ihr Mittagessen an selbst gesammelten Stöcken braten und sich dabei aufwärmen. Die Bilder zeigen aber auch, dass sich die Berufspraktikanten nicht nur um die eigene Verpflegung kümmern, sondern auch, dass sie die Futterstellen der Tiere überprüfen und dort für ausreichend Nachschub, also ein „tierisches“ Buffet sorgen, was bei einer geschlossenen Schneedecke wichtig ist.

Waldbild Futterstelle
Die Waldpädagogik ist aus der Pädagogik nicht mehr wegzudenken. In Zeiten des steigenden Medienkonsums und einer damit verbundenen zunehmenden Bewegungs-, Wahrnehmungs- sowie Erfahrungsarmut bei Kindern und Jugendlichen will die Waldpädagogik gegensteuern. „Ich kenne Kinder, die selbst noch nie ein Tier in der freien Wildbahn beobachtet haben. Die kennen so etwas nur aus youtube-Videos“, so die angehende Erzieherin Jenny. Die Berufspraktikanten sind sich sicher: Immer weniger Heranwachsende bekommen die Gelegenheit, sich in der Natur aufzuhalten, die Naur unmittelbar zu spüren und Phänomene der Natur zu entdecken. Umso wichtiger ist es dann, dass die Fachkräfte begeisterte Naturentdecker sind, um Kindern Brücken bauen zu können. „Die Natur bietet unendliche Bildungschancen“, meint Victoria, „in allen Entwicklungsbereichen können Kinder vom Aufenthalt und Spiel in der Natur profitieren. Interessant finde ich auch, dass sich Naturerfahrungen stressmindernd und konzentrationsfördernd auswirken.“ Reize wie Kälte, Hitze, Wind und Regen, aber auch mal einen Insektenstich oder ein Brennnessel-Brennen auf der Haut zu spüren - das alles ist für Heranwachsende wichtig, denn dies fördert die Wahrnehmung und schult das Vertrauen in die eigene Widerstandskraft.

Während der waldpädagogischen Aktion erleben auch die Fachkräfte im Anerkennungsjahr das ein oder andere Abenteuer. So entdecken sie im Schnee unzählige Tierspuren, die sie zu „lesen“ lernen. Alexander Riehm, Lehrer am BerufsschulCampus und derzeit in Ausbildung zum Waldpädagogen, weist die angehenden Erzieherinnen und Erzieher in die Kunst des Spurenlesens ein. Auch Tierkunde mit anschließender Fütterung stehen auf dem Programm. „Alle wissenschaftlichen Kenntnisse sind immer nur Bonus, am wichtigsten war es mir heute, den angehenden Erzieherinnen und Erziehern ein positives Erlebnis bei frostigen Temperaturen zu verschaffen, damit sie im späteren Berufsleben auch möglichst oft den Schritt hinaus in die Natur mit ihren Klienten wagen“, meint Alexander Riehm. Dies scheint gut gelungen, denn die Teilnehmer wirken am Ende der Schneewanderung zwar ein wenig erschöpft, aber auch gelöst und fröhlich. „Heute Nacht schlafen wir gut!“, da sind sich alle sicher. (MH)