Ein Profi geht von Bord - Schulleiter Karl Weinreich verabschiedet sich in den Ruhestand

Chef einer Schule werden, war das erklärte Ziel von Karl Weinreich. Nach 41 Dienstjahren als Lehrer, davon knapp sechs als Leiter der beruflichen Schulen in Ziegenhain, wurde der 63-Jährige gestern feierlich aus dem Berufsleben verabschiedet.

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Seinem Nachfolger, der noch nicht benannt ist, hinterlässt er nicht nur äußerlich ein gut bestelltes Haus: Vier Abteilungen tragen die Berufsschule in Ziegenhain. Darunter erweist sich insbesondere der sozialpädagogische wegen großer Nachfrage dieser Berufsgruppen als Erfolgsmodell und sei dabei, sich weiterhin zu vergrößern, sagte Weinreich im Gespräch mit dieser Zeitung.

Feuer an der Schule

Die energetische Sanierung der Schule in den vergangenen Jahren und in dieser Zeit die Schließung eines der Schulgebäude wegen erhöhten Asbestwerten und ein Brand, bei dem die Alarmpläne der Schule in die Kritik gerieten - das Kollegium habe sich in dieser Zeit einer großen Belastung und Problematik stellen müssen, sagt Weinrich. Wichtig war Weinreich ein weiteres Thema, dass die Schule in den Fokus rückte: Der Kampf gegen rechte Umtriebe in der Schülerschaft. Da habe sich die Schule deutlich positionieren müssen.

Einen bitteren Kelch wird der scheidende Schulleiter weiterreichen: Der demografische Prozess beschäftigt zwar die drei ähnlich strukturierten Berufsschulen im Schwalm-Eder-Kreis insgesamt, die im südlichen Landkreis sieht Weinreich allerdings am stärksten betroffen: Besuchten bei seinem Antritt im Jahr 2007 noch 1500 Schüler den Standort in Ziegenhain, so ist die Zahl inzwischen auf 1100 gesunken.

Dennoch ist die Idee eines berufliches Gymnasiums nicht vom Tisch, erklärte Weinreich. Gemeinsam mit der Homberger Berufsschule gebe es bereits ein entsprechendes Konzept, so Weinreich, das läge allerdings momentan beim Landkreis auf Eis.

Weiterhin werde die Umweltorientierung der Schule ausgebaut, sagt Weinreich, und wieder nehme man am Comeniusprogramm der Europäischen Union teil. Hinzu komme, dass die Schule auf dem Weg in die Selbständigkeit sei. Einen Prozess, denn Weinreich als sinnvoll empfindet: Schule müsse zwar keine Gewinne erwirtschaften, werde damit aber von den Organisationsstrukturen her in die Nähe wirtschaftlicher Unternehmen gerückt.

Schule verwalten, organisieren und repräsentieren hieß es in den vergangenen Jahren für den gebürtigen Rothenburger (o.d.Tauber). Und ein wenig Wehmut schwingt mit, wenn Weinreich sagt, insgesamt verlasse er die Schule in einer spannenden Zeit.

Von dem Schritt in den Ruhestand erhofft sich der dreifache Vater nicht nur mehr Zeit für die Familie und seine Hobbys, der digitalen Fotografie und dem Reisen. Er kann sich auch vorstellen, in seinem Heimatort Laubach (Landkreis Gießen) kommunalpolitisch aktiv zu werden. (HNA 26.01.13)

     =>Bilder der Verabschiedung finden Sie in unserer Bildergalerie.

Mehr wissen über die Wirtschaft - Berufliche Schulen starten Informationsreihe

An den Beruflichen Schulen in Schwalmstadt startet unter dem Titel „Schwälmer Wirtschaftsforum“ eine neue Informationsreihe. In unregelmäßigen Abständen will der Fachbereich Wirtschaft an der Schule aktuelle Fragen der Wirtschaftspolitik durch Fachleute aus Wirtschaft, Politik und Forschung in öffentlichen Veranstaltungen Schülern, aber auch Gästen von außerhalb der Schule näherbringen.

Gast aus Frankfurt: Professor Paul G. Schmidt

paul schmidtZur Auftaktveranstaltung am Dienstag, 4. Dezember, 18.30 Uhr, ist Professor Paul G. Schmidt (Frankfurt School of Finance and Management) zu Gast in den Beruflichen Schulen am Ziegenhainer Dammweg.In einem Vortrag erläutert der Referent die aktuelle Situation in Europa und mögliche Ursachen auf dem Weg in die Krise. Die Staatsschulden in Europa erreichen immer neue Höchststände. Die Nervosität der Finanzmärkte wächst und der Druck auf die hochverschuldeten Staaten Südeuropas nimmt zu, heißt es zum Inhalt des Vortrages. Zehntausende protestieren Zwischenzeitlich protestieren Zehntausende auf den Straßen Madrids und Athens gegen die Sparbemühungen ihrer Regierungen. Droht jetzt eine Art Flächenbrand? Sind die peripheren Euro-Länder noch zu retten? Und, wenn ja, wie?

Im Anschluss an den Vortrag des Finanzexperten kann diskutiert werden.

Mädchen von nebenan

Mädchen von nebenan

Frauen in der Neonazi-Szene: Journalistin Andrea Röpke stellte Dokumentation vor

Längst sind Neonazis in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Daran zweifelt seit Dienstagabend sicher keiner der Zuhörer mehr. Journalistin Andrea Röpke stellte in den Beruflichen Schulen ihre Dokumentation „Mädelsache! – Frauen in der Neonazi-Szene“ vor. Organisiert worden war der Abend von der Initiative „Schwalmstadt bleibt bunt“.
Vorbei sind die Zeiten, in denen Neonazis sich durch Springerstiefel oder Glatze identifizieren ließen: „Sie sind kaum noch erkennbar. Jeder fünfte Neonazi ist weiblich. Und dabei sind Frauen nicht weniger radikal“, erklärte Röpke. Noch immer würden Frauen weitaus weniger als Gefahr wahrgenommen. „Sie sind das nette Mädchen von nebenan.“ Frauen seien aber stets der „nationalen Gegenkultur“ gewesen. Etwa bei der 1994 verbotenen Wiking-Jugend, einer 1952 gegründeten neonazistischen Kinder- und Jugendorganisation. „Hier lag der Frauenanteil bei 40 Prozent“, erklärte Röpke. Auch im aktuellen Fall der NSU hätten Frauen dafür gesorgt, dass Beate Zschäpe 13 Jahre habe im Untergrund aktiv sein können.

Auch zur deutschen Aktionsgruppe von Manfred Röder aus Schwarzenborn hätten zwei Frauen gehört. Noch immer arbeiteten die Neonazis mit versteckten Codes, die Szene habe sich aber deutlich professionalisiert: „Das muss gesellschaftlich endlich wahrgenommen werden“, sagte Röpke. Mitglieder der NPD suggerierten das Bild der „netten Nachbarn“, indem sie sich in ehrenamtlicher Elternarbeit engagierten und versuchten, sich als hilfsbereite Vereinsschwestern zu etablieren.

Definition über Feindbilder

„Die Szene ist eine Männerdomäne, aber Frauen erkämpfen sich immer mehr Freiräume“, hat die Journalistin recherchiert. Die Rolle der Frauen sei klar definiert: „Emanzipation ist nicht naturgegeben. Frauen sind für die Erziehung zuständig.“ Die Szene definiere sich ausschließlich über Feinbilder: „Besonders die Homosexualität ist ein Frontalangriff auf ihre Rolle als deutsche Mutter“, erläutert Röpke. Zu wenig wahrgenommen würden die Brauchtumsfeste und Zeltlager: „Da entsteht eine alarmierende nationale Gegenkultur, und sowas muss dokumentiert werden.“

Über die rechte Szene im Kreis diskutierten im Anschluss Jugendpfleger Michael Schott, Politiklehrer Werner Stuhldreher und Helge von Horn von der Initiative „Gewalt geht nicht“. Um die Mitglieder der „Freien Kräfte“ sei es ruhiger geworden: „Aber man muss wachsam bleiben“, sagte Horn. Andrea Röpke bezog klar Stellung: „Ich bin für ein Verbot der NPD.“

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